Als junger Journalist in den 90er Jahren begleitete ich einmal einen Müllkontrolleur durch ein Augsburger Wohnviertel. Ich erinnere mich gut: ein paar zerlumpte Kartons neben einer überfüllten Tonne, ein bisschen Hausmüll im Altglascontainer – und daneben ein städtischer Mitarbeiter mit Klemmbrett, der gewissenhaft Fotos machte.
Damals war ich fasziniert und erschüttert zugleich von der Akribie und irritiert vom Aufwand. Irritiert war ich auch, als ich heute, rund 30 Jahre später, folgende Schlagzeile ganz oben auf der Internetseite der „Bild“ las: „Gelbe Karten, KI, Geldstrafen: Jetzt geht es Müllsündern an den Kragen“. Ich fragte mich: Bläst die Redaktion da etwas auf, das wir längst kennen?
Meine Antwort: Ja. Und nein. Gleichzeitig.
Müllsheriffs, Verwarnsysteme, Fotodokumentation – all das existiert seit Jahrzehnten in deutschen Städten. Wirklich neu ist die Symbolik. Der Staat schwenkt wieder die Ordnungsfahne. Und er tut es mit einem Wort, das immer funktioniert: KI. Also Künstliche Intelligenz. Es klingt nach Zukunft, nach Effizienz – und lenkt vom eigentlichen Thema ab: dem tiefen Misstrauen gegenüber dem eigenen Bürger.
Denn anders als früher geht es heute nicht mehr um „mehr Sauberkeit“, sondern um Kontrolle und Erziehung. Die gelbe Karte wird nicht mehr beiläufig verteilt – sie wird zum Erziehungsinstrument im Namen des Gemeinwohls.
Dabei lohnt ein Blick über die Landesgrenze: In vielen Ländern wäre so ein System undenkbar. Ob in Frankreich oder Italien – man würde eher über den deutschen Ordnungswahn lachen, als ihn nachzuahmen.
Gleichzeitig ist die Realität absurder denn je. Ich kenne Wohnhäuser, ja ganze Straßenzüge, in denen Mülltrennung faktisch nicht mehr existiert. Gerade durch ungebremste Zuwanderung leben dort viele Menschen, für die unser System aus Papiertonne, Biotonne, Gelbem Sack und Restmüll schlicht unverständlich oder irrelevant ist.
Und wir erleben längst eine Zwei-Klassen-Gesellschaft des Mülls: In manchen Vierteln traut sich kaum noch die Polizei hinein – geschweige denn ein Müllkontrolleur. Ganz anders in den „guten“ Wohnlagen: Dort wird der Ordnungssinn mit Nachdruck überwacht.
Das Ergebnis ist eine stille Absurdität: Die einen schmeißen alles in einen Sack – anderen droht eine gelbe Karte, weil sie ein paar Mal den Joghurtdeckel nicht abgezogen haben. Ein Höchstmaß an Regelung trifft auf ein Minimum an Durchsetzbarkeit.
Das ist nicht nur schizophren – das ist der eigentliche Skandal.
Am Ende bleibt das ungute Gefühl, dass hier weniger Müll bekämpft wird – als vielmehr das schlechte Gewissen all derer, die sich noch an Regeln halten. Erzogen wird also nicht, wo es nötig wäre – sondern dort, wo es am leichtesten geht.
Und um auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen: Ja, die „Bild“ wärmt ein altes Thema auf – aber nein, es ist kein billiger Alarmismus. Denn der Müll erzählt viel über den Zustand dieses Landes. Und über die wachsende Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
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Bild: KI
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