Es ist einer dieser Fälle, bei denen man als Journalist unwillkürlich innehält: vier Kandidaten einer Partei – laut WDR alle für die AfD – sterben kurz vor einer Kommunalwahl. Blomberg, Rheinberg, Schwerte, Bad Lippspringe. Vier Orte, vier Namen, vier Todesanzeigen im Schatten eines Urnengangs.
In den sozialen Medien verbreitet sich die Nachricht rasch. Die Rede ist von einer auffälligen Häufung. Von einem „statistisch fast unmöglichen“ Vorgang. Manche Nutzer formulieren zurückhaltend, andere schlagen Alarm. Und wieder andere halten das Ganze für ein Ablenkungsmanöver.
Was stimmt also? Und wie berichtet man darüber, ohne sich zum Werkzeug jener zu machen, die aus jeder Abweichung ein System konstruieren – aber auch ohne jene Arroganz, mit der manche Redaktionen alles abwinken, was nicht ins gewünschte Bild passt?
Genau da beginnt die Aufgabe seriöser Berichterstattung: bei der nüchternen Einordnung eines emotional aufgeladenen Vorgangs – und bei der Frage, was man sagen muss, wenn man es sich nicht zu leicht machen will.
Am 14. September soll in Nordrhein-Westfalen in insgesamt 427 Kommunen gewählt werden. In vier davon muss die Briefwahl nun wiederholt und die Stimmzettel neu gedruckt werden – Grund ist der Tod von vier AfD-Kandidaten. Die betroffenen Städte und Personen sind laut „Neuer Osnabrücker Zeitung“:
- Bad Lippspringe, Wahlbezirk 002: Stefan Berendes (59)
- Blomberg, Wahlbezirk 016: Ralph Lange (66 oder 67)
- Schwerte, Wahlbezirk 7120: Wolfgang Klinger (71 oder 72)
- Rheinberg, Stadtwahlbezirk 2.0 / Kreiswahlbezirk 8: Wolfgang Seitz (59)
In allen Fällen halten die Kommunen am Wahltermin fest. Die bereits ausgestellten Wahlscheine verlieren ihre Gültigkeit und müssen ersetzt werden. Die Stimmzettel werden neu gedruckt, die AfD kann in mehreren Fällen nachnominieren. Die Landes- und Bundespartei der AfD haben sich bisher nicht zu den Todesfällen geäußert. Lediglich zum verstorbenen Kandidaten Wolfgang Seitz aus Rheinberg veröffentlichte der Regionalverband Ruhr einen Nachruf.
In einzelnen Bezirken waren bereits Briefwahlstimmen eingegangen – auch diese müssen nun neu abgegeben werden.
Wie wahrscheinlich ist eine solche Häufung?
Diese Frage lässt sich nicht beantworten, ohne zentrale Größen zu kennen: die Gesamtzahl der AfD-Kandidaten in NRW, deren Altersstruktur, Gesundheitsdaten und regionale Verteilung. Auch müsste man wissen, wie oft ähnliche Vorfälle bei anderen Parteien vorkommen – und mit welchen Abständen.
Was man jedoch sagen kann: In der Kommunalpolitik treten häufig ältere Bürger an. Viele sind parteilos oder kandidieren auf AfD-Listen ohne enge Parteibindung. Die Kandidatur erfolgt oft kurzfristig, teils auf Bitten lokaler Funktionäre. Dass in einem solchen Umfeld auch gesundheitlich angeschlagene oder sehr alte Menschen kandidieren, ist nicht unüblich.
Wenn die AfD – etwa – 800 bis 1000 Kandidaten landesweit aufgestellt hat, wären vier Todesfälle im Vorfeld einer Wahl zwar traurig und auffällig – aber keineswegs „statistisch fast unmöglich“. Schon gar nicht ohne Kenntnis der Einzelfälle und Vergleichswerte.
Warum dann diese Wucht in der Debatte?
Vielleicht liegt das Problem gar nicht in den Zahlen, sondern im Klima. Die AfD wird von vielen Journalisten, Politikern und Aktivisten nicht als normale Partei betrachtet, sondern als Abweichung, als Problem, als „Krankheit der Demokratie“. Inzwischen werden sogar Kandidaten der Partei von Bürgermeisterwahlen ausgeschlossen – unter Vorwänden, wie man sie sonst nur aus autoritären Staaten kennt. Hass und Hetze gegen die AfD haben ein unerträgliches Ausmaß angenommen – ausgerechnet von jenen, die sich selbst als Kämpfer gegen Hass und Hetze inszenieren. Die angeblich „etablierten“ Parteien und viele Medien behandeln die AfD nicht mehr wie einen politischen Gegner, den man argumentativ stellt, sondern wie einen Feind, der vernichtet werden muss.
Kein Wunder, dass viele Menschen dem politischen System inzwischen buchstäblich alles zutrauen. Nicht, weil sie Verschwörungstheoretiker wären – sondern weil das Vertrauen zerstört ist. Wer vom vorgegebenen Meinungskorridor abweicht, erlebt keine kritische Debatte mehr, sondern berufliche, soziale und mediale Ächtung. Und wer das sieht, fragt sich irgendwann: Wenn schon mit Kritikern so umgegangen wird – wie geht man dann erst mit denen um, die für die „Schwefelpartei“ kandidieren?
Wenn unter solchen Bedingungen vier Todesfälle auftreten – und diese in der öffentlichen Debatte fast keine Resonanz finden und in den großen Medien bis auf wenige Ausnahmen nur beiläufig oder gar nicht thematisiert werden –, entsteht ein Vakuum. Und dieses Vakuum wird, wie immer in solchen Fällen, schnell durch Spekulationen gefüllt. Dass viele ins Grübeln geraten, überrascht kaum – und sagt mehr über das politische Klima aus als über die Faktenlage.
Natürlich ist es absurd, zu glauben, in deutschen Kommunen würden gezielt vier AfD-Kandidaten „aus dem Weg geräumt“ – noch dazu in kleinen Städten ohne strategische Bedeutung. Wer so etwas ernsthaft unterstellt, verabschiedet sich von jeder Realität.
Aber ebenso real ist: Hass, Ausgrenzung und öffentliche Verächtlichmachung hinterlassen Spuren. Sie erzeugen Druck, Stress, psychosoziale Belastung. Und wer ohnehin gesundheitlich angeschlagen ist, dem kann ein solcher Wahlkampf – in einem feindseligen Klima – auch körperlich zusetzen. Es braucht keine dunklen Mächte, damit politische Gewalt indirekt wirkt. Manchmal reicht die Atmosphäre.
So erklärt sich auch die Empörung vieler Bürger, die mit Blick auf solche Fälle fragen: Warum wird darüber nicht offener gesprochen? Warum gibt es keine Nachfrage bei Behörden? Keine zentrale Übersicht? Kein öffentliches Wort der Anteilnahme? Keine genaue Prüfung?
Fragen, die nicht in eine bestimmte Richtung zielen müssen – aber trotzdem legitim sind.
Mein Fazit: Vier Todesfälle. Vier Orte. Eine Partei. Und eine Debatte, die vor allem eines zeigt: Wie aufgeladen, wie tief verunsichert, wie polarisiert unser öffentlicher Raum inzwischen ist. Die Situation, in der wir uns hier befinden, ist ein gesellschaftlicher Totalschaden, das Klima bis zur Unerträglichkeit vergiftet.
Man muss kein AfD-Wähler sein – und schon gar kein Anhänger radikaler Theorien –, um zu erkennen, dass es Fragen gibt, die nicht gestellt werden sollen. Und genau dadurch erst virulent werden. Die vier Todesfälle vor der NRW-Wahl sind sicher keine Folge einer Verschwörung – und wenn sie kein Zufall sein sollten, dann eher wegen Faktoren wie Stress und Überlastung. Aber dennoch ist der Umgang damit ein politischer Offenbarungseid. Denn er zeigt, wie sehr das Klima in diesem Land entgleist ist – und wie tief das Vertrauen in Institutionen und Medien bereits erodiert.
Das hier ist keine gesunde Demokratie mehr. Es ist eine, die ihre Prinzipien nur noch selektiv anwendet. Eine, in der nicht mehr gleiches Recht für alle gilt, sondern Gesinnung das Maß der Dinge ist. Eine, in der nicht etwa mit den Radikalen das Problem beginnt – sondern mit der Selbstgerechtigkeit derer, die sich für die Guten halten. Und damit eine, die den Namen Demokratie nicht mehr verdient hat. Wenn man darunter nicht den Demokratiebegriff der DDR versteht – wie es heute leider wieder so viele tun.
Und am Ende bleibt – jenseits aller politischen Debatte – der menschliche Verlust: Vier Menschen sind gestorben. Sie hatten Familien, Freunde, Weggefährten. Ihnen allen gilt mein herzliches Beileid.
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