Ein Gastbeitrag von Thomas Rießinger
Manchmal ist vor allem wichtig, was nicht berichtet wird.
Im Presseportal der Polizei Dortmund vom 1. April 2025 ist der folgende Bericht zu lesen – und ich darf darauf hinweisen, dass es sich kaum um einen Aprilscherz handeln dürfte, denn in diesem Falle könnte sich der Autor wohl recht schnell beruflich neu orientieren.
„Ein vierjähriger Junge“, so wird berichtet, „überquerte am Montag (31.3.2025) um 19.15 Uhr für eine Autofahrerin unvorhersehbar zwischen geparkten Autos die Schleswiger Straße in Dortmund. Die 47-jährige Dortmunderin bremste stark, konnte einen Zusammenstoß mit dem Kind aber nicht mehr verhindern. Der Junge erlitt leichte Verletzungen.“ So weit nichts Besonderes, eine Situation, wie sie jeder erleben kann, aber nicht will, weder die Fahrerin noch die Mutter noch das Kind. Zwar sollte kein Vierjähriger unvorhersehbar eine Straße überqueren, schon gar nicht, wenn seine Mutter in der Nähe weilt, aber es ist bekannt, dass Derartiges sich auch beim besten Willen nicht immer vermeiden lassen.
Ob allerdings dieser beste Wille vorlag, ist nicht unmittelbar klar, denn im Bericht heißt es weiter: „Der Verkehrsunfall löste einen Einsatz der Polizei aus, bei dem es jedoch nicht allein um die Unfallaufnahme, sondern auch um eine Körperverletzung durch die Mutter des Kindes gegen den Beifahrer aus dem Auto ging.“ Wer hätte das nicht schon erlebt? Das eigene Kind wird – wenn auch nur leicht – verletzt, und natürlich hat man nichts anderes im Sinne, als auf den Beifahrer loszugehen, denn Beifahrer sind bekanntlich für die größte Zahl der Autounfälle direkt verantwortlich. Aber hören wir auf die Einzelheiten.
„Denn in kurzer Zeit umstellten zunächst bis zu 30 und später rund 100 Menschen den VW der Autofahrerin. Sie und ihr Beifahrer verschlossen den Polo, weil mehrere aggressive Personen auf das Auto eintraten und einschlugen. Dabei beschädigten sie den VW an der Heck- und der Frontscheibe, u.a. durch einen Flaschenwurf. Sie traten einen Außenspiegel ab und beschädigten die Karosserie u.a. durch Schläge.“ So muss es sein. Natürlich befinden sich in Gesellschaft einer Kindesmutter stets 30 bis 100 Gleichgesinnte, die auf der Straße herumlungern und den Unfallwagen umzingeln, selbstverständlich nur, um das Vernichten von Beweismitteln zu verhindern. Aggressive Personen haben auf das Auto eingetreten und eingeschlagen? Ja, das war doch nur die berechtigte Wut! Sie haben mit Flaschen die Scheiben beworfen? Es sind eben nicht immer die nötigen Werkzeuge zuhanden, da muss man improvisieren, und immerhin haben sie keine klimaschädlichen Plastikflaschen verwendet, sonst hätte es nicht zu Schäden kommen können. Und dass sie den Spiegel abgetreten sowie die Karosserie beschädigt haben, darf man ihnen nicht übel nehmen: Warum haben auch Fahrerin und Beifahrer ihren Wagen von innen verschlossen, da muss man sich doch provoziert fühlen?
Der Kindesmutter war auch klar, dass hier eine unbefriedigende Lage entstanden war. „Die Mutter des Kindes öffnete die Beifahrertür. Sie trat auf den 20-jährigen Beifahrer ein und versuchte – vergeblich – ihn aus dem Auto herauszuzerren. Schließlich lief sie auf die andere Seite des Autos, um dort die Fahrertür zu öffnen. Der 20-Jährige verriegelte jedoch sofort die Türen.“ Konsequent war sie, die Dame aus Dortmund oder besser gesagt: mit vermutlichem Wohnsitz in Dortmund. An den Beifahrer wollte sie heran, um weitere Sachbeschädigungen zu vermeiden, und als der sich uneinsichtig zeigte, hat sie es bei der Fahrerin versucht. Doch leider wurde ihr beherztes Eingreifen nicht gewürdigt: Die Türen wurden rechtzeitig von innen verriegelt.
Doch die Provokationen durch die aggressiv im Wagen sitzenden zwei Personen nahmen kein Ende, denn auf einmal kam auch noch die Polizei ins Spiel. „Mehrere Streifenteams der Polizei sorgten mit Unterstützung der Bereitschaftspolizei aus dem Präsenzkonzept Fokus für Ruhe. Die Polizei verständigte den Rettungsdienst, da dies zuvor nicht geschehen ist. Das Kind wurde in ein Krankenhaus eingeliefert.“ Wer sie benachrichtigt hat, sagt man uns nicht. Vielleicht war es ein Anwohner. Ganz sicher war es keiner der 100 wohlmeinenden Freunde der Kindesmutter, und sie selbst auch eher nicht, da sie vollauf damit beschäftigt war, des Beifahrers oder der Fahrerin habhaft zu werden. Die Annahme liegt nahe, dass einer dieser beiden bei der Polizei um ein wenig Unterstützung gebeten hat, denn wenn man von einer schlagenden und Flaschen werfenden Menge belagert wird, neigt man nicht dazu, die beste Freundin anzurufen, um sich über neue Frisuren auszutauschen.
Aber den Rettungsdienst hat vor dem Eintreffen der Polizei – in stattlicher Zahl mit mehreren Streifenteams und zusätzlicher Unterstützung – keiner gerufen. Nicht die Mutter und auch keiner der tapferen 100. Ja, so kennt man Mütter mit Verantwortungsbewusstsein. Ob das Kind ernsthaft oder leicht verletzt ist – wen interessiert das schon? Ob es Schäden davongetragen hat – wer muss das wissen? Hauptsache, man kann mit tatkräftiger Unterstützung ein Auto umzingeln, den Wagen beschädigen und die Insassen angreifen. Das nenne ich liebevollen Umgang mit Kindern.
Dass der Polizeibericht diese Tatsache erwähnt, ist uneingeschränkt zu loben. Und dabei bleibt es nicht. „Nach ersten Ermittlungen der Polizei sind die Schäden an dem Auto eindeutig nicht auf den Zusammenstoß mit dem Kind zurückzuführen. Bei den weiteren Ermittlungen der Polizei geht es um den Unfallhergang, Sachbeschädigung und um das Verhalten der 30-jährigen Mutter (Tatvorwurf: vorsätzliche Körperverletzung).“ Sei haben sich also nicht bei der aufgebrachten Mutter entschuldigt und gleich die Fahrerin verhaftet, nein, man ermittelt tatsächlich zum Unfallhergang, zur Beschädigung des Wagens und zum tätlichen Angriff der Kindesmutter.
Der Polizeibericht ist damit beendet, aber eines hat man uns nicht berichtet. Wer war denn die Mutter des Kindes, die unbedingt Beifahrer und Fahrerin in ihre Hände bekommen wollte? Wie hießen sie alle, die zu Dutzenden auf der Straße herumstanden und sich nichts Besseres einfallen ließen, als auf das Auto einzuschlagen? Waren es Günther, Peter und Manuela? Oder gar Malte-Torben, Kevin und Sarah-Luise? Am Ende handelte es sich um eine Zusammenrottung australischer Austauschstudenten? Oder um eine unangemeldete Demonstration von Querdenkern, die sich in der Zeit vertan hatten?
Man sagt es uns nicht. Und sie wissen genau, warum sie es nicht sagen.
Aber wir wissen es auch.
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Thomas Rießinger ist promovierter Mathematiker und war Professor für Mathematik und Informatik an der Fachhochschule Frankfurt am Main. Neben einigen Fachbüchern über Mathematik hat er auch Aufsätze zur Philosophie und Geschichte sowie ein Buch zur Unterhaltungsmathematik publiziert.
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