Gerade habe ich einen Artikel meines Freundes und Kollegen Klaus Kelle gelesen. Klaus ist einer von den wenigen Journalisten, die aus den großen Medien stammt, aber noch klar bürgerlich denken und schreiben, ohne rot-grünen Gesinnungsgehorsam. Er ist ein anständiger, kollegialer und freundlicher Mensch – was ihn auch in der alternativen Medienszene angenehm von manch anderem unterscheidet. Oft bin ich seiner Meinung, diesmal aber gar nicht. So gar nicht, dass ich daraus ein Experiment mache: Sie lesen hier zuerst seinen Text, dann meinen Gegenkommentar.
Warum? Weil genau so eigentlich Medien funktionieren müssten: Man stellt verschiedene Sichtweisen nebeneinander, damit die Leser sich selbst ein Urteil bilden können. Doch das ist heute in den großen Medien undenkbar. Da gilt Meinungs-Einheitsfront – und abweichende Stimmen tauchen höchstens als Zerrbild auf. Hier also ein Gegenentwurf zur öffentlich-rechtlichen „Unfehlbarkeit“ – in der ich Ihnen, liebe Leser, das letzte Wort überlasse.
Hier also Klaus Kelle:
„…jetzt isst er Fisch“ – Söders geniale Kampagne
(von Klaus Kelle, erschienen am 28. August 2025 auf „Denken erwünscht“)
Markus Söder isst überall – ja, das ist jedenfalls der Eindruck, den man bekommen kann, wenn man in den asozialen Netzwerken unterwegs ist. Gestern bin ich in Berlin darauf angesprochen worden, was der CSU-Chef da mit seinen Fress-Videos mache und dass das der Würde des Amtes eines Ministerpräsidenten widerspreche. Noch dazu des bayerischen Ministerpräsidenten, was ja zweifellos eine Steigerung gegenüber den anderen ist.
Und eben bekomme ich eine WhatsApp-Nachricht aus meiner alten Heimat Bad Salzuflen, blöder gehe es ja wohl nicht mehr, „jetzt isst er Fisch“…
Ich musste richtig lachen, ich finde es großartig, weil Söder ganz offenbar verstanden hat, wie das populistische Geschäft in diesen Zeiten funktioniert. Während andere Abgeordnete Fotos von einem Infostand mit CDU-Sonnenschirm und zwei gut gelaunten Rentnern postet, die dann dreimal geliked werden, ist Söder in aller Munde und erreicht Tausende jeden Tag. Besonders bei denen, die Politiker allgemein und Politiker der Union besonders unsexy finden: den jungen Menschen.
Weil Söder isst das und dort, wo die auch sind: bei McDonalds oder am Döner-Imbiss, manchmal klar – natürlich im bayerischen Wirtshaus.
Ich weiß nicht, ob er es wirklich selbst macht, oder seine Leute ihn so platzieren, aber es ist PR-mäßig top.
Überall wird über diese Kampagne gesprochen, auch wenn viele das naturgemäß alles doof finden. So ein bisschen erinnert mich das an die Saitenbacher-Werbung, die zum Beispiel mir auf den Geist geht wie keine andere. Aber ich kenne das Unternehmen und seine Produkte dadurch…
Und hier mein Gegenkommentar:
Würdelos, nicht genial – warum Söders Fress-Videos Politik verhöhnen.
Manchmal sind es Kleinigkeiten, an denen sich große Unterschiede zeigen. Klaus Kelle sieht in Söders Videos, in denen er sich Döner oder Fisch in den Mund schiebt, eine geniale PR-Strategie. Ich sehe darin das genaue Gegenteil: einen Ministerpräsidenten, der seine eigene Rolle zur Farce macht.
Es stimmt, solche Clips erzeugen Reichweite. Aber Reichweite ist nicht gleichbedeutend mit Wirkung. Hier zeigt sich der Trugschluss: zu glauben, dass bloßes Gesehenwerden schon Erfolg bedeutet. In Wahrheit ist es eine gefährliche Verwechslung – Aufmerksamkeit ersetzt keine Zustimmung. Söder sammelt Klicks, aber er verspielt Vertrauen.
Ein Politiker, der sich zum Ess-Kasper macht, gewinnt nicht plötzlich die Jugend. Er bestätigt höchstens deren Spott: „Schau mal, die alten Männer wollen cool sein.“ Das ist kein Gewinn, sondern ein Verlust – ein Verlust an Ernsthaftigkeit, an Respekt, an der stillen Würde, die einem Amt innewohnen sollte.
Die Wahrheit ist: Gerade das bürgerliche Publikum, das Klaus und ich adressieren, empfindet solche Videos nicht als „genial“, sondern als stillos. Wer glaubt, mit Burger-Bissen die Jugend zu erreichen, verkennt die Codes der Zielgruppe – und wirkt anbiedernd.
Erinnern wir uns an Laschet im Flutgebiet: ein einziges Bild genügte und seine Karriere war beendet. Politik lebt von Symbolen. Wer glaubt, dass „Söder isst Fisch“ ein sympathisches Symbol sei, verkennt, wie sehr sich solche Bilder verselbständigen. Aus jovialem Imbiss kann schnell Affenzirkus werden – und das bleibt im Gedächtnis haften.
Am Ende geht es um Glaubwürdigkeit. Wer bei Bier und Schweinshaxe authentisch ist, mag sich im Wirtshaus filmen lassen. Wer aber zwischen McDonalds, Döner und Fischständen posiert wie ein TikTok-Influencer, wirkt nicht nahbar, sondern lächerlich. Das ist nicht Populismus im klugen Sinne, sondern infantile Selbstverzwergung.
Demokratie lebt vom Streit. Klaus und ich bleiben uns freundschaftlich verbunden, auch wenn wir hier in völlig gegensätzlichen Welten sehen. Aber gerade deshalb wollte ich diesen Versuch machen: Erst seine Sicht, dann meine. Damit Sie, liebe Leser, selbst entscheiden können. So einfach könnte Pluralität sein.
Und seien wir ehrlich: Dass Sie beide Kommentare hier direkt nebeneinander lesen können – das wäre in den großen Medien undenkbar. Genau deshalb machen wir es.
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