Ein Gastbeitrag von Vera Lengsfeld
Heute wird wieder an die Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee gedacht. Politiker und Institutionen tragen dabei den Slogan „We remember“ als Bekenntnis vor sich her, er wurde auch ans Brandenburger Tor projiziert. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner hatte die Berliner aufgerufen, mit der jüdischen Gemeinschaft ihrer Stadt Solidarität zu zeigen: “Berlin steht fest an der Seite der Jüdinnen und Juden und aller Opfer von Gewaltherrschaft und Extremismus”, erklärte Wegner. Menschenfeindlichkeit, Hass und Hetze hätten in der Stadt keinen Platz. Das sagt der oberste Verantwortliche einer Stadt, in der seit dem 7. Oktober 2023 der antisemitische Mob fast ungehindert durch die Straßen tobt und die Auslöschung Israels fordert. Das ist Hass, Hetze und Menschenfeindlichkeit pur. Woran erinnert sich Wegner, wenn er die Meldungen über diese Ausschreitungen liest? Berlin sei die Stadt, von der aus die systematische Vernichtung der europäischen Juden, Sinti und Roma und weiterer Bevölkerungsgruppen geplant und organisiert wurde, betonte Wegner in seiner Rede. Es sei gemeinsame Pflicht und historisches Erbe, an die Opfer des nationalsozialistischen Terrors und der Schoah zu erinnern. Es aber auch “auch unsere Verantwortung, aufzustehen gegen jede Form von Antisemitismus”.
In Berlin gibt es eine tapfere Frau, die sich bei palästinensischen Hasskundgebungen mit ihrem Plakat offen auf die Seite Israels stellt. Von Wegner vermisst man Handlungen, der er für sich selbst aus seinen Forderungen ableiten müsste. Erst kürzlich hat es anlässlich der Waffenruhe im Gazastreifen am Sonntagabend in Berlin mehrere antisemitische Demonstrationen gegeben. Dabei kam es erneut zu Ausschreitungen. Es wurden verbotene antisemitische Parolen gerufen. Was hat Wegner in den letzten 16 Monaten dagegen unternommen?
Es gab sie, die Deutschen, die sich nicht mit Worten, sondern mit Taten gegen die Vernichtungspolitik der Nazis stellten. An sie wird selten erinnert, man kennt ihre Namen kaum. Ihr Mut passt nicht in die These vom deutschen Tätervolk, die vor allem den Tätern dient, denn sie können ihre persönlichen Verbrechen allen Deutschen anlasten.
Deshalb möchte ich heute an ein Buch erinnern, das vom Solibro-Verlag 2024 herausgegeben wurde. Autor Frank Littek liefert in „Retter in dunkler Zeit“ eine „umfassende Übersicht über deutsche Gerechte unter den Völkern“. Sie alle widersprechen der These vom deutschen Tätervolk.
Im Jahr 1943 erklärte die Nazi-Propaganda Berlin für „judenfrei“. Was Gestapo und SS entging, was sie sich wahrscheinlich anfangs auch nicht vorstellen konnten war, dass nach Schätzung des Holocaust-Überlebenden Arno Lustiger sich etwa 7000 Juden in Verstecken befanden, die ihnen von tapferen Berlinern zur Verfügung gestellt wurden. Als die Gestapo realisierte, dass im „judenfreien“ Berlin durchaus noch Juden lebten, schickte sie ihre Denunzianten los. Von den 7000 haben 1500 Menschen die Denunzianten, die Bombardierung Berlins und den Endkampf überlebt. Daraus kann man schleißen, dass die Zahl der Retter in Deutschland viel höher lag, als angenommen. In meiner Heimatstadt Sondershausen überlebte eine Jüdin den Krieg im Haus eines Bekleidungsgeschäftsinhabers. Von seiner Heldentat erfuhr die Stadt auch nach der Naziherrschaft nichts. Sein Gast verließ nach Kriegsende Deutschland und lebte fortan in einem israelischen Kibbuz. Erst, als eine Sondershäuser Politikerin diesen Kibbuz besuchte, erfuhr sie davon.
Frank Littek listet in seinem Buch 474 Personen oder Paare auf, die einem oder mehreren jüdischen Verfolgten Zuflucht boten. Die Zahl der Gerechten in Deutschland dürfte weit höher sein, als die in Yad Vashem aufgeführten 651 Rettern.
Die vielgelobte deutsche Aufarbeitung des Nationalsozialismus hat sich kaum um diese Tapferen gekümmert. Wie sehr diese Aufarbeitung versagt hat, erleben wir heute, wo die Verharmlosung der Nazidiktatur Konjunktur hat, indem alle Andersdenkenden, die nicht auf der vorgegebenen links-woken Denklinie liegen, als Nazis diffamiert werden. Es wird höchste Zeit, in den Blick zu nehmen, was die Menschen bewegt hat, unter Gefahr ihres Lebens einer totalitären Diktatur zu widerstehen und Verfolgten zu helfen. Es würde zumindest dazu führen, dass die heutigen Moral-Maulhelden, deren hehren Worten keine Taten entsprechen, leichter durchschaut werden.
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Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Und ich bin der Ansicht, dass gerade Beiträge von streitbaren Autoren für die Diskussion und die Demokratie besonders wertvoll sind. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.
Vera Lengsfeld, geboren 1952 in Thüringen, ist eine Politikerin und Publizistin. Sie war Bürgerrechtlerin und Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. Von 1990 bis 2005 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages, zunächst bis 1996 für Bündnis 90/Die Grünen, ab 1996 für die CDU. Seitdem betätigt sie sich als freischaffende Autorin. 2008 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt. Sie betreibt einen Blog, den ich sehr empfehle. Das neue Buch „Ist mir egal“ zu Merkel können Sie hier vorbestellen.
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