Es war einer dieser unscheinbaren Momente, die plötzlich Gewicht bekommen. Im Chatfenster blinkte die Nachricht eines Lesers auf – inzwischen ein Freund. Darin ein Link, die Schlagzeile: Warnung vor Bürgerkriegen in Europa. Und als ob das nicht schon genug gewesen wäre, folgte sein Begleittext: „Vor mehr als zehn Jahren habe ich Auszüge aus einer Studie des CIA gelesen. Dort wurde vorausgesagt, dass es bis 2030 in Europa Bürgerkriege gibt. Es lohnt sich auch, die von Lenin definierten drei Merkmale einer revolutionären Situation in Erinnerung zu rufen.“
Und dann das Interview selbst, erschienen in der „Berliner Zeitung“ – leider hinter Bezahlschranke. Doch es ist zu wichtig, um es zu übergehen. Professor David Betz vom King’s College London spricht aus, was viele nur denken, aber kaum jemand zu sagen wagt: Westeuropa erfüllt heute nahezu alle klassischen Bedingungen für Bürgerkrieg.
Tiefe gesellschaftliche Spaltung, das „Downgrading“ der Mehrheitsbevölkerung und ein dramatischer Vertrauensverlust in die Institutionen – Betz nennt drei Faktoren, die in der Forschung seit Jahrzehnten als Schlüssel gelten. Jeder dieser Faktoren sei für sich schon gefährlich, in Kombination aber hochexplosiv.
Früher, so Betz, habe man über Sachfragen gestritten. Heute dominiere Identitätspolitik, „Stammesdenken“ statt Argumente. Besonders sichtbar sei das in ethnisch orientierten Bewegungen, die sich kaum noch um das Gemeinwesen kümmern. In Großbritannien etwa formiert sich eine muslimische Ein-Themen-Partei, die fast ausschließlich internationale Interessen vertritt, während nationale Fragen zur Nebensache werden. Identität schlägt Inhalt – und genau das sei der Nährboden für Spaltung.
Noch brisanter ist der Statusverlust der Einheimischen. Betz nennt es „Downgrading“: Innerhalb einer Generation wird die Mehrheitsbevölkerung in mehreren europäischen Ländern zur Minderheit im eigenen Land. Er verweist auf historische Beispiele: die keltischen Briten, die von den Angelsachsen verdrängt wurden. Ich selbst dachte beim Lesen sofort an die amerikanischen Ureinwohner, deren Kulturen durch europäische Siedler nahezu ausgelöscht wurden. Ich finde es immer wieder rätselhaft, dass es in der Geschichte so viele Belege dafür gibt, wie Zuwanderung Kulturen radikal umgestülpt hat – und dass es gleichzeitig heute als absolutes Tabu gilt, auch nur auf diese Möglichkeit hinzuweisen. Meine einzige Erklärung: Es handelt sich um eine tiefe Verdrängung, um eine Angst, die so stark unterdrückt ist, dass jeder, der sie ausspricht, sofort stigmatisiert wird. Aus Selbstschutz derjenigen, die ihre Angst so mühsam verdrängt haben.
Dabei sagt Betz, dass sich genau dieses historische Muster der kulturellen Verdrängung und des Mehrheitsverlustes der Alteingesessenen auch jetzt abzeichne – nur diesmal im Herzen Europas. Und: Es sei kein demokratisch gewollter Prozess, sondern das Projekt einer globalistisch geprägten Eliten. Für diese Eliten seien Nation und Grenzen bloße Relikte, Fortschritt heiße für sie, alles einzureißen, was Barrieren zwischen Menschen, Märkten und Kapital darstellt, so der Wissenschaftler.
Auch wirtschaftlich sind die Pfeiler brüchig. Produktivität und Innovation stagnieren, Bürokratie lähmt, die Verschuldung wächst in historische Höhen. Deutschland ist für Betz ein abschreckendes Beispiel: einst Muster an Haushaltsdisziplin, heute Billionen an neuen Schulden, gleichzeitig Verlust zentraler Exportmärkte und Abhängigkeit von politisch unsicheren Energiequellen. Für die junge Generation bedeutet das: weniger Einkommen, geringere Chancen auf Wohneigentum, spätere oder gar keine Familiengründung, unsichere Altersvorsorge. In manchen Ländern sinkt sogar die Lebenserwartung. Damit bricht das zentrale Versprechen der westlichen Moderne – dass es den Kindern besser gehen werde.
Lenin hatte drei Kennzeichen einer revolutionären Situation benannt: Die Herrschenden können nicht mehr wie bisher. Die Beherrschten wollen nicht mehr wie bisher. Und die Mittelschicht zerfällt oder gerät zwischen die Fronten. Wer Betz liest, erkennt die Parallelen – und es läuft einem kalt den Rücken hinunter.
David Betz ist kein Panikmacher, sondern ein erfahrener Forscher. Er lehrt „Krieg in der modernen Welt“ am King’s College London, spezialisiert auf Aufstände, Propaganda, Informationskrieg und zivil-militärische Beziehungen. Wenn jemand wie er so offen warnt, dann ist das mehr als ein Alarmruf – es ist eine nüchterne Diagnose.
Europa, so Betz, drohe nicht an äußeren Feinden, sondern an innerem Zerfall zu scheitern. Doch statt diese Warnungen ernst zu nehmen, beschäftigt man sich mit Nebenschauplätzen. Während Gesellschaften auseinanderbrechen, tobt die große Debatte über Gendersternchen, Veggie-Days und Wärmepumpen. Es ist, als ob ein Orchester auf der Titanic nicht über Musik, sondern über die Sitzordnung streitet.
So wird Demokratie zur Farce: Gericht stoppt AfD-Kandidat, sichert SPD-Sieg und entmündigt Wähler
Ballweg, Parfüm und eine Hundematte: Wie aus 19,53 Euro ein medialer Schuldspruch konstruiert wurde
„Nie wieder“ war gestern: Der Fall Leandros zeigt, wie moralische Säuberung wieder schick ist
Bild: Shutterstock
Bitte beachten Sie die aktualisierten Kommentar-Regeln – nachzulesen hier. Insbesondere bitte ich darum, sachlich und zum jeweiligen Thema zu schreiben, und die Kommentarfunktion nicht für Pöbeleien gegen die Kommentar-Regeln zu missbrauchen. Solche Kommentare müssen wir leider löschen – um die Kommentarfunktion für die 99,9 Prozent konstruktiven Kommentatoren offen zu halten.
Mehr zum Thema auf reitschuster.de
Die Ruhe vor dem Bürgerkrieg – auch bei uns?
In Frankreich sehen wir gerade bürgerkriegsähnliche Szenen. In deutschen Städten werden Geländegewinne meist (noch) auf dem Verhandlungsweg erzielt. Das fühlt sich zwar friedlicher an, aber es ist ein Frieden des Wegguckens und Wegduckens. Von Roger Letsch.
Montpellier: Selbstjustiz und bürgerkriegsähnliche Zustände
Szenen, die Angst machen: Die Polizei wurde des Lynchmobs nicht Herr. Der Mainstream schweigt, nur die „Welt“ berichtet – doch auch die verharmlost. Das ist fatal.
Weil der Staat schläft: Bürger gehen Streife
Eine Jugendgang tyrannisiert eine Kleinstadt, die Polizei kapituliert – und Bürger greifen selbst zum letzten Mittel. Wer sich jetzt empört, sollte erklären, was die Alternative ist: zusehen und friedlich terrorisieren lassen?